Tod am Fenster

Eine Kommissar Wengler Geschichte

ISBN 13-978-0-692-22234-8

Eine gewaltige Hitzewelle droht die bayerische Landeshauptstadt unter sich zu erdrücken. Glücklich kann sich daher schätzen, wer einen Strandkorb auf dem Balkon stehen hat. Das trifft auf Amalia Pohl zu. Die Sitzgelegenheit hat sie nach einem Urlaub auf Sylt besorgt und beobachtet von dort aus die Straße unter sich. Da geschieht es: Im Haus gegenüber sieht sie, wie ein Mann zu Boden stürzt und sich nicht mehr rührt. Sie verständigt die Polizei, die aber nur noch den gewaltsamen Tod des Mannes feststellen kann.

 

Also muss Kommissar Wengler herausfinden, wie es zu dem Mord gekommen ist. Nach einer genaueren Befragung des sozialen Umfeldes findet er einige Ungereimtheiten im Leben des Opfers vor. So hat der Tote beispielsweise einer fremden Frau einen Platz in einem Altenheim organisiert und bezahlt. Wer ist sie? Und welche Rolle spielen seine zahlreichen männlichen Bekanntschaften? Ein Puzzle will zusammengefügt werden, was Wenglers Spürsinn auf eine harte Probe stellt.

Tod am Fenster

Eine Kommissar Wengler Geschichte

 

von

Olaf Maly

 

2013©Olaf Maly

 

 

Kapitel 1 

 

Amalia Pohl saß in ihrem Strandkorb, auf dem Balkon in Giesing, in der  Chiemgaustraße, im vierten Stock. Man hatte damals den Korb mit einem Flaschenzug auf den Balkon hieven müssen, da die Treppen und der notdürftig und nachträglich eingebaute Aufzug zu klein waren, um ihn durchs Haus in die Wohnung zu bringen. Auch hätte man alle Türen erweitern müssen, hätte man versucht, den Strandkorb über die Treppe und durch die Wohnung auf den Balkon zu bekommen.

Es war sowieso ein wenig verrückt, sich mitten in München einen Strandkorb auf den Balkon zu stellen, aber nachdem sie ihren letzten Sommer in Sylt verbracht hatte, musste sie unbedingt einen haben, koste es, was es wolle. Und haben wollen hieß für Amalia Pohl, dass es nur eine Frage der Zeit war, und sicherlich nicht eine Frage des Ob und Wie, bis das Gewünschte eintreffen würde.

Der Sommer in Sylt im Jahr davor war verregnet, nein eigentlich nicht verregnet, mehr zugeschüttet mit Regen. Nicht zu sprechen von dem Wind, gegen den man mit bestenm Willen nicht ankommen konnte. Aufrecht stehen war eine Herausforderung. Ein Schirm war absolut sinnlos, es regnete waagerechtes Wasser, das zwar dennoch scheinbar und offensichtlich vom Himmel kam, dessen Farbe die ganzen zweieinhalb Wochen nur zwischen von hell- und dunkelgrau nach kohlrabenschwarz wechselte. Wie das Wasser den Weg in die Horizontale fand, war physikalisch ein Phänomen, das bis zum heutigen Tage unerklärlich blieb. Zumindest für Amalia Pohl. Sie war ein einfaches Mädchen, mit einfachen Wünschen und Gedanken, hatte aber ein sonniges Gemüt und in vielen Dingen eine Engelsgeduld. Die nordischen Einheimischen versuchten, ihr in ihrer Sprache, von der Amalia nicht einmal die Hälfte verstand, zu erklären , wie sich das dort in Sylt so abspielte, aber da es an der Tatsache des Regens nichts änderte, war es ihr auch ziemlich egal, was es damit auf sich hatte.

Eine Freundin hatte sie damals überredet, mit ihr dorthin zu fahren. Wie sich später herausstellte, und was sie vor der Reise nicht wusste, hatte die Freundin vor, dort jemanden zu treffen, auf den sie schon lange ein Auge hatte, jedoch nicht wusste, wie und wann sie es anstellen sollte, Kontakt aufzunehmen. Sylt, dachte sie, wäre der richtige Rahmen, da sie hörte, dass der Betreffende sich dort aufhalten würde. Aber alleine wollte sie nicht dorthin fahren, also überredete sie Amalia, mit ihr zu reisen.

Um noch Salz in die Wunde des Unerfreulichen zu streuen, musste Amalia jeden Morgen beim Frühstück den Wetterbericht mit ansehen, der in München sonniges WetterSonne mit angenehmen Temperaturen versprach, mit einem gelegentlichen Schauer am Nachmittag. Nur so zum Aabkühlen, bevor man in den Biergarten ging, den es übrigens auf Sylt auch nicht gab. Es gab ein paar Bänke am Strand, aber da es unaufhörlich regnete, war das Lokal geschlossen und die Bänke nur Ruheoasen für eine unendliche Anzahl von Möwen, die sich scheinbar über den endlosen Strom von Wasser freuten. 'Bis auf Weiteres,' hieß es, war das Lokal geschlossen, was, wie wie und wo das Weitere auch sein sollte. So wie das Schild aussah, war dies nicht der erste verregnete Sommer.

Ihre Freundin, die Rosi Sprengler, mit der sie einmal zusammengearbeitet hatte, als sie an Weihnachten als Aushilfe im Kaufhof Spielzeuge verkaufen musste, war eigentlich keine richtige Freundin, mehr eine gute Bekannte, die man ab und zu einmal anrief, um Gesellschaft zu haben. Wenn man nicht alleine ins Kino gehen oder mal den Italiener an der Ecke ausprobieren wollte.

Aus dem Abenteuer, das von Rosi Sprengler eben, wurde nichts, auch nach zweieinhalb Wochen mühevoller Verfolgung und Präsentation an allen möglichen und unmöglichen Örtlichkeiten, die das Portemonnaie beider sichtlich strapazierten. Dass man den Herren nie antraf, hatte in erster Linie etwas mit dem Regen zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass der Herr, auf den man es abgesehen hatte, gar nicht auf Sylt war, sondern kurzfristig wegen des schlechten Wetters abgesagt hatte, wie sich später nach der Heimreise herausgestellt hatte.

Da Amalia während dieser Zeit viel alleine war und zum Schutz gegen das Wetter fast jeden Tag im Strandkorb saß, hatte sie sich kurzerhand dort einen bestellt und sich nach München liefern lassen. Irgendwie fand sie Gefallen daran, er gab ihr Schutz und eine gewisse Geborgenheit, die man nicht in einem normalen Sessel erfahren konnte. Es war fast, wie in einem kleinen Häuschen zu sitzen, das sein, wenn auch ein kleines, Bett schon eingebaut hatte.

Nun saß sie also in dem Strandkorb, der gerade einmal so auf ihren Balkon passte, auf der Breitseite, so dass man gerade noch die Tür aufmachen konnte, die vom Balkon in die Küche führte. Wenn man die Fußstütze des Strandkorbes herausfuhr, war der Balkon mehr oder weniger voll ausgenutzt, was hieß, dass man mit ausgefahrener Fußstütze die Tür nicht mehr öffnen konnte.

Sie genoss es, dort zu sitzen und etwas zu trinken, sich die Menschen anzusehen, die eilig auf der Straße ihrer Wege gingen und sie nicht sehen konnten, da sie nahezu völlig vor ihnen verborgen war. Alles, was man sah, war der Strandkorb, wenn man sich die Mühe machte, nach oben zu sehen. Wer es tat, hatte meist ein leises Schmunzeln auf dem Gesicht und fragte sich wahrscheinlich, ob es nicht schön wäre, selbst auch einen zu haben.

Eine Straßenbahn fuhr genau alle zehn Minuten in die eine und die andere Richtung, und da diese von der Schwanseestraße einbog, um auf die Chiemgaustraße zu kommen, und umgekehrt, hörte man das besonders intensiv an dem quietschenden Geräusch der Räder, die krampfhaft versuchten, um die Kurve zu kommen, und der unermüdlichen Klingel, die den Menschen sagen wollte, dass man jetzt um die Ecke bog. Dies war wohl Vorschrift, da das Geräusch der Räder auf der Kurve bei Wweitem lauter war als das der Klingel, man also sehr wohl wusste, dass die Straßenbahn im Ankommen war. Außer man war taub, aber da half die Klingel auch nichts. Die beiden Bahnen trafen sich meist vor und in der Kurve und das machte die Dauer des reibenden Rad-Sschienen Sstahlgeräusches noch länger und intensiver.

Amalia hatte sich daran gewöhnt, sie wohnte schon seit dreieinhalb Jahren in dieser Zweizimmerwohnung, die sie von ihrem Exfreund übernommen hatte, der kurzerhand sein Glück in Amerika versuchen wollte. Ohne Amalia und ohne Erfolg, wie sich herausstellen sollte. Sie hatte nie wieder etwas von ihm gehört, außer einer Anfrage nach Geld, die aus New York kam und die sie umgehend in den Müll geschmissen hatte.

Sie kannte auch die Fenster gegenüber sehr genau, besonders die im vierten Stock, auf die sie freie Sicht hatte und sehen konnte, was dort so vor sich ging. Die Tatsache, dass sie in einem Strandkorb saß, gab ihr so viel Deckung, dass die Leute, die in diesen Wohnungen lebten, liebten, aßen, schliefen und noch viele andere Dinge taten, die man eben so tut, nichts davon mitbekamen. Sie konnte sehen, ohne gesehen zu werden.

Und was sie an diesem Nachmittag sah, sollte sie noch lange beschäftigen, ihr Sorgen machen und ihr die Nächte stehlen, die sie so sehr brauchte, um den Tag zu meistern.