Faschingsmord

Eine Kommissar Wengler Geschichte

ISBN 13-978-0-692-22237-9

Es ist Faschingsdienstag in München. Kommissar Wengler will diesen Tag gemütlich mit ein paar Freunden bei einem Glas Bier ausklingen lassen. Aber zunächst macht er noch Halt auf dem Viktualienmarkt, um dort dem Faschingstreiben zuzusehen. Und es kommt wieder alles anders als geplant: Wengler wird von einem Mann in Frauenkleidern um Hilfe gebeten. Es ist Fasching, also erstaunt die Verkleidung nicht. Doch dann findet man in der Wohnung des Fremden einen Toten. Und auch die Aufmachung des Fremden war kein Zufall. Das bedeutet für Kommissar Wengler, in ein Milieu einzutauchen, von dem er sich nicht einmal hatte vorstellen können, es auf seine alten Tage noch kennenzulernen...

Faschingsmord

Eine Kommissar Wengler Geschichte

 

von

Olaf Maly

 

2014©Olaf Maly

 

 

Kapitel 1 (Auszug)

 

Wenn Kommissar Wengler irgendetwas hasste, war es der Fasching in München. Nicht direkt der Fasching als solcher, mehr den Faschingsdienstag, den Tag bevor alles endlich vorbei war. Es war das Ende einer langen Durststrecke, einer Phase von mutwilligem Fröhlichsein, von Lachen ohne Grund, von freundlich gemeintem Schulterklopfen, das er so gar nicht liebte. Dann auch noch mit dem Zusatz, „Wo gehst denn heut hin, wie'st verkleidet bist?“, obwohl er überhaupt nicht verkleidet war. Manche fanden das lustig. Er nicht. Nicht einmal sein Gesicht, das seinen Unmut mehr als deutlich ausdrückte, hielt diese Spaßvögel davon ab, das immer und immer wieder zu wiederholen, und über ihren gar so einfallsreichen tollen Spaß auch noch herzlichst zu lachen.

Den Fasching an sich bekam man, im Gegensatz zu den Bereichen nördlich und besonders westlich der Landesgrenze, in München eigentlich gar nicht so richtig mit. Außer man ging auf einen dieser noblen, nächtlichen Bälle, auf denen man gesehen werden wollte und von denen man sich irgendwelche Kontakte erhoffte. Und für die man erst einmal Kontakte brauchte, um zugelassen zu werden. Dann wurden es meist mehr Abenteuer als Kontakte, oder wie man es sorglos nannte, Schmusgeschichten. Kurzzeiter. Eine Nacht und nie wieder. Abenteuer, mit mehr Betonung auf teuer, besonders am folgenden Tag. Und manchmal auch für die folgenden Jahre. Was immer das auch war oder sein sollte, man hatte um diese Zeit herum so etwas wie einen Freibrief für alle Missetaten, die man sich während des Rest des Jahres nicht herausnehmen durfte, wollte, konnte und sollte.

Es waren dann meist kurzzeitige Kontakte, die man besser vor seiner Frau geheim halten wollte, wenn es auch nicht immer gelang. Das heißt nicht, dass Frauen da in irgendeiner Art und Weise auch nur annähernd braver gewesen wären, nein. Aber wie es eben so ist, traut man es den Männern mehr zu. Warum, bliebe noch zu ergründen, dachte sich der Herr Kommissar immer, wenn er so darüber sinnierte.

Diese im wahrsten Sinne des Wortes nackten Tatsachen jedoch beschäftigten in den Wochen danach mehr die Scheidungsanwälte als den Herrn Kommissar Wengler. Außer der Ehemann oder die Ehefrau waren nach der Mittwochsaussprache nicht mehr am Leben, dann bekümmerte es ihn. Das kam vor, wenn auch nicht oft. Weihnachten war da viel ergiebiger, wahrscheinlich wegen der Pflicht, für diese Tage eng beieinander zu sein. Wegen der Einsamkeit, die man zu diesem Anlass suggeriert bekam. Und der man entfliehen sollte.

Kommissar Wengler war nicht verheiratet, war es nie gewesen. Und außerdem hatte er mit dem weiblichen Geschlecht schon vor Langem seinen Frieden geschlossen, mehr oder weniger. Das bedeutete, dass er absolut nicht mehr daran interessiert war, irgendetwas mit der Gegenseite zu tun zu haben. Oder, wie er es nannte, anzufangen. Jedenfalls nicht im Sinne von Beziehung, und inniger Beziehung schon überhaupt nicht. Nicht in seinem Alter und mit seiner daraus resultierenden Lebenserfahrung.

Seine Kollegen im Kommissariat, die etwa seine Generation waren, kamen fast jeden Tag frustrierter ins Büro. Und wenn man sie fragte, was denn wieder los sei, kam meist die Antwort: „Die Alte macht mich wieder wahnsinnig, bin ehrlich froh, dass ich hier bin. Hab ich endlich meine Ruh.“

Alleine die Tatsache, dass man lieber im Büro war als irgendwo anders, machte den Kommissar ein wenig stutzig. Und auch in gewisser Weise zufrieden, hatte er doch noch das Gefühl, auch außerhalb seines Büros noch eine einigermaßen heile Welt für sich zu haben. Er konnte sich in diesen Fällen ein kleines Schmunzeln nie ganz verkneifen, auch wenn er tunlichst vermied, es zu zeigen.

Er hatte sehr wohl seine Abwechslungen, seine Bekannten, auch weibliche, mit denen er ab und zu etwas unternahm, wie mal beim Italiener essen, mal zum Griechen gehen und Ouzo trinken, beim Chinesen wieder einmal mit den Stäbchen erfolglos seinen Reis in den Mund zu bekommen versuchen. Eben die Dinge, die man zu zweit etwas lieber macht als allein. »Es lacht sich besser zu zweit«, meinte er dann immer. An der Tür des Restaurants, wenn man voll von neuen Eindrücken, gutem Essen und viel Bier war, endete die gesellige Zusammenkunft dann häufig mit der Frage: »Kommst noch mit auf'n Kaffee?«, auf die er stets antwortete: »Nicht heute, weißt eh, hab an schweren Tag g'habt. Vielleicht das nächste Mal.« Wobei das Gegenüber eigentlich genau wusste, dass es dieses nächste Mal nicht geben würde.

Also verabschiedete man sich mit einem Küsschen auf die Wange, links und rechts, sagte einander, wie schön es gewesen war und dass man das doch bald wieder machen sollte, und jeder ging zufrieden seiner Wege.

 

Heute, an diesem Faschingsdienstag, saß der Kommissar also auf dieser Bank, am Viktualienmarkt, gleich neben der Liesl, die in Bronze gegossen auf ihn herab sah. Liesl Karlstadt, die Große, Kleine, neben Karl Valentin. Wie Falentin gesprochen, aber Valentin geschrieben. Wie er immer sagte, »Der Valentin, man sagt ja auch nicht Wogel, wenn man von einem Vogel spricht. Also sagt man Falentin, mit ‚f' eben, auch wenn man es Valentin schreibt.«

Sie stand da oben in Bronze auf dem Podest aus gehauenem Stein. Klein und doch so gewaltig, dass man zu ihr aufsehen musste, wollte man sie sehen und ihr Respekt und Achtung zollen. Und sie verdiente es, dass man zu ihr aufblickte. Vielleicht hatte der Künstler das im Sinn, als er sie dort oben über alle Leute stellte. Dass man ihr Respekt zollen sollte, jedes Mal, wenn man an ihr vorbei ging.

Er saß also da auf der Bank und beobachtete die Leute, die schon um die Mittagszeit genug Alkohol in sich hatten. Mehr als genug für den Rest des Tages, der gerade erst einmal halb vergangen war. Es war gegen Mittag, er hatte Hunger gehabt und sich deshalb vom Metzger gegenüber seinen Leberkäse und zwei Brezeln geholt, sich beim Löwenbräu eine halbe Maß Bier gekauft und sich auf die Bank gesetzt. Das Bier stand auf dem Boden, zugedeckt mit einem Bierfilz, worauf man es eigentlich normalerweise stellte. Aber in diesem Fall musste man es vor den Vögeln schützen. Die Münchner Vögel schienen sogar Bier zu mögen.

Die Tische vom Biergarten am Markt waren noch nicht aufgestellt, waren noch alle aufeinander und nebeneinander geschichtet. Mit schweren Eisenketten waren sie miteinander und den Bäumen verbunden, damit keiner der Tische auf die Idee käme, das Weite zu suchen. Man brauchte sie. Früher oder später brauchte man sie wieder, wenn die Sonne stark genug war, um Durst zu machen.

Es war ein außergewöhnlich schöner Tag für Mitte Februar. Sonne, blauer Himmel, kleine Wolken, die sich im wilden Spiel von Entstehen und Vergehen ein Rennen gaben, wild über den Himmel zogen und irgendwie sagen wollten, dass der Winter auch irgendwann einmal wieder vorbei gehen würde. »Freue dich auf den Sommer, einsamer Wanderer«, sagten sie, »freue dich, wenn es auch noch ein wenig dauern wird. Die ersten Anzeichen sind da, aber mach dir keine Hoffnung, es wird noch nicht so schnell passieren, wie du dir das erhoffst, aber ich gebe dir einen kleinen Vorgeschmack. Nur eine kleine Kostprobe, wenn es auch noch ein bisschen kalt bleibt. Stell deine Stiefel noch nicht in den Schrank und häng den Mantel noch nicht in den Keller.«

Kommissar Wengler hatte seinen leichten, grünen Lodenmantel offen und hatte sich zur Feier des Tages seine lederne Kniebundhose angezogen und das weiße Hemd, mit den eingestickten Hirschen und Fasanen auf der Knopfleiste. Dazu hatte er wollene, weiße Kniestrümpfe und schwere Halbschuhe an. Man nannte sie Haferlschuhe – schwere, doppelt besohlte Schuhe, die wie geschaffen waren für die schwere Arbeit auf dem Land. Er arbeitete zwar nicht auf dem Land, aber das war Nebensache, sie gehörten einfach dazu. Manchmal liebte er es, diese Tracht zu tragen, mit der er aufgewachsen war und die ihm stets diese Erinnerungen zurückbrachte. Erinnerungen an eine Zeit, als es noch üblich war, Trachten zu tragen und niemand einen deswegen seltsam anschaute.

 

„Haste amal 'nen Euro?“, kam eine Stimme von hinten auf Kommissar Wengler zu und schwang sich dann um die Bank herum, um ihm ins Gesicht zu sehen.

„Ach, Sie sind's, Herr Kommissar. Hab Sie nicht erkannt von hinten. Sehen gut aus heut!“

„Brunner, keine Schleimereien hier, wir kennen uns lang genug, um zu wissen, was wir voneinander halten. Hier“, und dabei kramte der Kommissar einige Euro aus seiner Manteltasche, „sind ein paar Euro. Geh und kauf dir ein Bier.“

„Vergelt's Gott, Herr Kommissar, vergelt's Gott.“

„Keine Ursache.“

„Werd Ihnen auch wieder helfen, wenn's soweit ist. Wie beim Kramer Fall, damals, wissen's noch?“

„Was hast uns denn da geholfen, Brunner?“

„Ich hab Ihnen g'sagt, wer's war, erinnern's sich?“

„Brunner, den hätten wir auch ohne dich entdeckt, war er doch noch da g'standen, mit'm Messer in der Hand und voller Blut. Neben dem Kramer.“

„Na ja, aber g'sagt hab ich Ihnen, dass er da steht, oder?“

„Ja, Brunner, und jetzt geh dir ein Bier kaufen und lass mich in Ruh. Es war so schön ruhig hier, bevor du 'kommen bist.“

„Geh schon, Herr Kommissar, geh eh schon. Bis ein anders Mal halt dann.“

Damit machte sich Brunner auf den Weg, sich ein Bier zu kaufen.