Dezemberblues

ISBN e-book: 978-3-7438-8704-6 

ISBN Taschenbuch: 978-3-746784-39-7

Es war ein paar Wochen vor Weihnachten. Der Christkindlmarkt war voll in Gang. Es roch nach Kerzen, Zimtsternen, Räucherstäbchen und Jägertee. Der Weihnachtsbaum am Marienplatz strahlte in allen Farben. Ein Chor sang Weihnachtslieder. Die Heilsarmee sammelte und ließ ihr Glöckchen klingen. Die Luft war kalt. Sehr kalt. Der Schnee knirschte unter den Schuhen. In dieser anheimelnden Stille wurde in der Viscardigasse ein Toter gefunden. Steif gefroren lag er gegen die Hauswand gelehnt. Erschossen. Bekleidet nur in Hemd und Hose, ohne Jacke oder Mantel. Niemand hatte bemerkt, dass er dort hingelegt worden war. Sehr schnell stellte sich heraus, dass er ein Bauunternehmer war, der hauptsächlich alte Wohnungen saniert und teuer verkauft hatte. Ein einträgliches Geschäft, in dem man nicht nur Freunde machte. Nicht nur in München. Gab es da einen Zusammenhang mit seinem vorzeitigen Tod? Wollte sich jemand rächen? Niemand in seinem Umfeld schien sehr viel über ihn zu wissen – oder nicht wissen zu wollen. Er war nicht sehr kontaktfreudig. Kommissar Wengler muss langsam herausfinden, was der Tote eigentlich getan und wie er gelebt hat und was letztlich dazu geführt hat, dass man ihn auf diese Art beseitigt hatte. Eigentlich wollte er Weihnachten bei seiner Cousine in Aschau verbringen und nicht in München einen Mörder suchen. Er freute sich schon auf die Weihnachtsgans, die das ganze Jahr extra für diesen Anlass gemästet wurde. Das gab ihm nicht viel Zeit, den Fall zu lösen, noch dazu, da niemand sonderlich gewillt war, ihm hilfreich Auskunft zu geben. 

Dezemberblues

 

von

Olaf Maly

 

2018©Olaf Maly

 

 

Kapitel 1 

 

Es war kalt an diesem Abend. Sehr kalt. Saukalt, sagte man in Bayern. Oder auch arschkalt. Es gab noch viele mehr solcher Ausdrücke, die aber immer nur dasselbe bedeuteten. Dass es eben kalt war. Der kälteste Tag seit Jahren. In der letzten Woche fror sogar der Nymphenburger Kanal zu, sodass man auf ihm Schlittschuh laufen konnte. Das hatte es seit Jahren nicht gegeben. Die ganze Strecke, vom Hubertusbrunnen bis zum Schloss. Das waren fast zwei Kilometer. Nicht, dass Herbert Wengler seine Schlittschuhe aus dem Keller geholt hätte, nein, aber er hätte können, wenn er hätte wollen. Er hatte sie noch, das Paar Eishockey-Kufen, das er sich gekauft hatte, als er jung war. Er wollte eine Dame beeindrucken, die Eiskunstläuferin war. Wie das eben so ist. Es brachte nichts. Sie verließ ihn für einen Skiläufer, was er damals, in dem Moment, überhaupt nicht hatte verstehen können. Seitdem lagen die Kufen im Keller.

Eisstockschießen wäre ihm sowieso lieber gewesen, aber auch darauf hatte er in dieser Kälte keine gesteigerte Lust. Obwohl er in seinen mittleren Jahren ganz gut darin war. Jedes Wochenende waren sie draußen, er und seine Freunde. Bei Wind und Wetter. Der Eisstock war aus niederbayerischer Eiche. Handverlesen und nach seinen Maßen gebaut. Sein Heiligtum. Keiner durfte ihn anfassen. Sie schafften es bis zur Stadtteilmeisterschaft. Giesing gegen Harlaching. Er führte die damalige Niederlage allein auf die Tatsache zurück, dass sie vor dem Wettkampf zu viel getrunken hatten. Es war einfach kalt, die Harlachinger kamen zu spät, und die Flasche Obstler war leer, bevor sie überhaupt angefangen hatten, einen Stock die Bahn hinunterzuschießen. Sie sagten das auch den Harlachingern, da man eine gewisse Taktik dieser Leute in ihrem Zuspätkommen vermutet hatte, woraufhin man sich dann auch noch ausgiebig und handgreiflich die Meinung sagte. Das Regionaltreffen fiel also aus. Man wertete das Ergebnis als unentschieden.

Kommissar Herbert Wengler saß in seiner braunen Cordhose mit einem Holzfällerhemd und einer dicken Jacke aus Schafwolle auf seinem Sessel im Wohnzimmer, in dem er immer saß, wenn er aus dem Fenster sehen wollte. Er hörte Wagner. Götterdämmerung. Eines seiner Lieblingsstücke. Nur die Stehlampe war an und spendete gedämpftes Licht, das von der Wand verschluckt wurde. Sanfte Schatten zeichneten sich ab, von den wenigen Blumen, die er im Zimmer hatte und der Figur des heiligen Franziskus. Er hatte sie einmal auf einem Trödelmarkt erstanden. Irgendwie gefiel sie ihm. Dass es der heilige Franziskus sei, hatte ihm der Trödelhändler gesagt. Er sei sich da ganz sicher. Und dass sie sehr wertvoll sei und er sie ihm praktisch schenken würde, für die paar Mark, die er dafür bezahlte. Er ließ es dabei und nannte sie einfach Franz.

Sein Fenster war eigentlich eine Tür, die, da er im vierten Stock unter dem Dach wohnte, ein Geländer davor hatte. Man nannte das einen französischen Balkon. Im Sommer machte er die Tür auf, um im Freien zu frühstücken. Oder fast so wie im Freien. Was allerdings nur am Sonntag ging, da sonst die Straßengeräusche und der Gestank von den Autos nicht zu ertragen waren. Am Sonntag hingegen fuhr meistens nur die Straßenbahn an seinem Haus vorbei. Bevor sie das tat, musste sie allerdings eine Kurve nehmen, was sie sehr geräuschvoll tat. Auch der Bus, der keine hundert Meter entfernt vor dem Haus, in dem er wohnte, hielt, konnte das nicht ohne ein Gequietsche tun, sodass es einem fast die Ohren zerriss. Dann, als würde dieser sich total entspannen, weil er gerade zum Halten gekommen war, zischte es laut und er entließ eine große schwarze Wolke in den bayerischen Himmel, die, wenn der Wind richtig wehte, genau am französischen Balkon des Kommissars endete und sich dort gleichmäßig verteilte. Teilweise auch im Wohnzimmer.

„Wahrscheinlich ham die sich keinen richtigen Balkon nicht leisten können da drüben in dem Frankreich“, meinte er einmal, als er von seinem Freund dem Egon Hintermeier aus der Glockenbachstraße danach gefragt wurde, warum man das einen französischen Balkon nannte.

„Wundern würd mich des nicht – sind doch alles Hungerleider, die Franzosen“, meinte dieser mit einem mitleidigen Lächeln.

Sie saßen gerade mit dem Schäfer Franz aus Giesing bei einem gemütlichen Abend, den sie mit Schafkopfen, Bier und Brezeln verbrachten. Dazu gab es noch Romadur und Radi. Das spielte sich allerdings im Sommer ab, bei lauen Temperaturen. An einem Samstag. An diesem Tag hatte der Egon zu Mittag Kraut und Bratwurst gegessen, was den Herbert Wengler geradezu dazu nötigte, seine Tür weit aufzumachen. Wegen des Romadur natürlich auch.

Das Hemd, das er gerade anhatte, hatte er vor ein paar Jahren von seinem Freund Egon Hintermeier bekommen. Es war ein Original aus Kanada. Nicht, dass weder er selbst noch der Egon nach Kanada gereist waren, nur um ein Hemd zu kaufen. Nein, ganz bestimmt nicht, aber der Neffe vom Egon, der Franz, der Sohn seiner Schwester, war dort. Zum Skifahren. Als ob man in Bayern nicht genug Berge hätte, sagte er zu seinem Neffen, als dieser ihm das voller Begeisterung erzählt hatte. Als Wiedergutmachung sozusagen, und um seinem Onkel eine Freude zu machen, schenkte ihm dieser also dieses Holzfällerhemd. Rote und braune Karos. Dick gewebte Wolle, schon fast wie ein Pullover. Direkt aus Kanada. Mit einem Ahornblatt im Kragen. Der Egon Hintermeier hatte dafür absolut keine Verwendung, da er immer nur Trachtenhemden trug. Da dieses Hemd als solches absolut nicht durchging, überließ er es also seinem Freund Herbert Wengler, der so ziemlich alles trug, was ihm irgendwie passte. Er hatte nie einen Sinn für Mode oder dergleichen gehabt, also war es ihm ziemlich egal, wie das Hemd aussah. Das Hemd war warm, und das war ihm wichtig. Besonders in dieser Jahreszeit.

Es war ein paar Wochen vor Weihnachten. Am nächsten Tag sollte der zweite Advent sein. Die stille Zeit, in der man sich des vergangenen Jahres besann und nachdachte, warum es so schnell verflogen war. Es hatte doch gerade erst angefangen, und schon war es wieder vorbei. Die Lichtbänder der Geschäfte, die man für die vorweihnachtliche Zeit angebracht hatte und die wie Eiszapfen aussahen, waren um diese Zeit noch an. Auch einige Bäume hatte man mit kleinen Lampen ausgestattet, die dann erleuchtet wurden. Es sah seltsam aus, wie er sie so von seinem Fenster aus betrachtete. Leuchtende Bäume. Irgendwie passte das nicht. Bäume leuchten nicht, dachte er sich. Wenn sie leuchten sollten, hätten sie Lampen, die daran wachsen.

Er freute sich auf Weihnachten. Es würde wieder nach Aschau fahren, zu seiner Cousine. Wie jedes Jahr. Er dachte an den Schnee, der so schön unter den schweren Sohlen seiner Stiefel knirschte, wenn er die verschneiten Wege den Bach entlangging. Ins Dorf. Um sich ein Bier zu genehmigen. Man kannte ihn bereits. Er war der Kriminaler aus der Stadt. Man hatte Respekt vor ihm und lud ihn ein, am Stammtisch Platz zu nehmen. Was keineswegs normal und eine gewisse Ehre war. Und den Kommissar oft eine Runde kostete.

Dann, am Heiligabend würde es Weißwurst geben, und danach würden sie den Weg zur Christmette in die kleine Kirche gehen. Mit einer Kerze in der Hand, wie in einer Prozession. Seine Cousine sang immer leise Weihnachtslieder, wenn sie diesen Weg gingen. In der Kirche war immer ein kleiner Weihnachtsbaum aufgebaut, mit ausschließlich roten Kugeln und viel Lametta. Alle waren festlich gekleidet, hatten ihre schönsten Trachten und den Schmuck an, den schon die Vorfahren getragen hatten. Entlang der Bänke waren große Kerzen aufgestellt und daran mit roten Schleifen grüne Tannenzweige befestigt. Der Pfarrer hielt seine Ansprachen, man sang feierliche Lieder und nach der Messe würde jemand „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen und dabei auf der Gitarre leise die Saiten zupfen. Wie es war, als man das Lied das erste Mal aufgeführt hatte. Schöne Gedanken. Und er freute sich auf die Gans, die seine Cousine das ganze Jahr gemästet hatte. Nur für diesen Tag.

Ein schrilles Klingeln schreckte ihn aus seinen Träumen. Wie es eben so war. Man lehnte sich zurück, dachte an nichts Böses und wurde einfach so heraus-gerissen aus der Stille, an die man sich gewöhnt hatte. Gnadenlos. Es war das Telefon. Er hatte sich erst vor Kurzem eines zugelegt, eins, das man mitnehmen und durch die ganze Wohnung tragen konnte. Ohne Schnur. Irgendwie war das besser, dachte er sich, als er bei seinem Freund, dem Schäfer Franz war und es gesehen hatte. Dann ging er auf dem Weg vom Büro kurz im Kaufhof vorbei und nahm sich eines mit. Die Verkäuferin, ein junges Mädchen mit engen Hosen, die fast vollständig aufgerissen waren, und einem noch engeren Oberteil, die ständig lächelte, als wäre ihr Gesicht eingefroren, versuchte, ihm zu erklären, wie das funktionierte. Nach vergeblichen Bemühungen ihrerseits, die Betriebsanleitung, die in einer unverständlichen Sprache abgefasst war, zu entziffern, gab sie endlich auf. Dann meinte sie, dass sie so etwas nie gebrauchen würde, also eigentlich gar nicht daran interessiert war, wie so ein Ding funktionierte. So ein altes Modell, das gehöre ins Museum, aber wenn er es denn unbedingt wolle, solle das nicht ihr Problem sein. Auf den Gedanken, dass dieses Gerät nicht für sie, sondern für ihn war, schien sie nie gekommen zu sein.

Es klingelte also. Man konnte den Klingelton ändern, hatte er gelesen, aber nach einigen vergeblichen Versuchen diesbezüglich fand er, dass der eingebaute Ton schon in Ordnung sei.

„Ja, was is?“, meinte er etwas aufgebracht, als er den Knopf gedrückt und die Verbindung hergestellt hatte.

„Herr Kommissar ...“

„Armin, ich hätt des wissen sollen. Und ich Depp hab auch noch abg’nommen. Hamma an Toten, oder warum störst du mich an einem beschaulichen Samstag? War grad so schön dag’sessen.“

„Ja, Herr Kommissar. Leider muss ich Sie stören, weil wir wirklich einen Toten haben. Mitten in München. Ich könnte Sie abholen, wenn Sie wollen. Ist doch ziemlich kalt heute.“

„Des machst, Armin, weil ich heut nicht mehr mit der U-Bahn fahr.“

„Dann bin ich in zwanzig Minuten da.“

Ohne darauf zu antworten, drückte der Kommissar den Knopf, um das Telefon auszuschalten und steckte den Hörer wieder in die Ladevorrichtung.

„Ja, Richard, musst a bisserl warten. Werd schon wiederkommen.“

Damit meinte er Richard Wagner, mit dem er ein besonders inniges Verhältnis hatte. Er hätte gerne in dieser Zeit gelebt. Nicht nur wegen Richard Wagner, auch wegen seinem König Ludwig, den er sein ganzes Leben verehrte. Manchmal dachte er sich, dass er wahrscheinlich deswegen Kommissar geworden war, da er es nicht verwinden konnte, dass sein König so hinterlistig umgebracht worden war. Und man nie den Täter gefunden hatte. Er wollte, mehr unterbewusst vielleicht, sicherstellen, dass Mörder gefasst werden. Wenn er auch für seinen König ein paar Jahre zu spät auf die Welt gekommen war.

Langsam zog er sich seine Pelzstiefel an, die er aus dem Fundus der Bundeswehr erstanden hatte. Sie waren schwer und warm. Beides gute Attribute im Zeichen der Kälte. Nachdem er sich noch den Parker übergeworfen hatte, ging er langsam die Treppen hinunter.