Von der Liebe und anderen Tragödien

Kurzgeschichten

ISBN Taschenbuch: 200-0-04261-898-8

ISBN e-Book: 978-3-7487-5071-0

Wer möchte nicht gerne die Liebe seines Lebens finden? Man sollte nie aufgeben, denn sie kann unerwartet auf einen treffen, auch dann, wenn man es am wenigsten vermutet, wie man in diesem Buch erfahren kann. Dann gibt es auch die Enttäuschung, wenn einen diese Liebe unvermittelt verlässt, ohne dass man etwas geahnt hat. Auch kann es sein, dass man jemanden trifft und nicht weiß, ob es wirklich die wahre Liebe ist. Oder vielleicht etwas ganz anderes. Viele Optionen, wenige Lösungen. Von Menschen ist in diesem Buch die Rede, die nach etwas suchen, was es vielleicht gar nicht gibt. Sie suchen dennoch. Ein Pilot will immer weiter nach oben, bis er droht, in der Sonne zu verglühen. Es ist ihm egal. Ein anderer träumt von seinem Glück auf Erden, bis er einsehen muss, dass ihm das Schicksal nichts Gutes will, egal was er auch versucht. Und letzten Endes erlebt jemand immer wieder sich selbst. Wieder und immer wieder. Sind es Träume oder ist es sein Leben? Wo ist der Unterschied? Das Leben der Menschen ist unergründlich. Und so sind die Geschichten, die sie erleben. Kein Leben gleicht dem anderen. Und doch geht es scheinbar immer nur um eines. Um das Glück, das hoffentlich, irgendwo und irgendwann, auf einen wartet, auch wenn es manchmal an uns vorbeirauscht, ohne uns zu sehen.

Von der Liebe und anderen Tragödien

Kurzgeschichten

von

Olaf Maly

 

2020©Olaf Maly

 

 

Marianne

Ihr Leben war wie der Flug eines Schmetterlings. Immer wild, kreuz und quer, links und rechts, nie geradeaus. Sie suchte sich immer nur die besten Blumen, die farbigsten Blüten, den süßesten Nektar. Nie wollte oder musste sie Kompromisse eingehen. Leben war Genuss für sie, war Liebe und Abenteuer.

Ich lernte sie kennen, als sie einmal bei uns in der Wohngemeinschaft auftauchte. Nein, nicht auftauchte, sondern voller Wucht hinein explodierte. Sie war wie eine Erscheinung, eine Offenbarung. Marianne kam nicht einfach, sie erschien und nahm alles in ihren Bann, was auch nur annähernd in ihrer Nähe war. Wie ein Feuer, das alles vereinnahmt, was sich ihm in den Weg stellt. Keiner war in der Lage, dieses Feuer zu löschen. Vielleicht auch, weil keiner wollte.

Eigentlich war sie nicht besonders hübsch oder attraktiv. Sie war mehr etwas rundlicher gebaut. Nicht direkt dick, aber eben rund. Mit kleinen Brüsten, die von ihr auch noch von den weiten Kleidern, die sie immer trug, versteckt wurden. Und sie war nicht sehr groß. Ihr kleines, ovales Gesicht hatte eine gestupste Nase, aber große, wache Augen, die scheinbar alles gierig aufnahmen, was in ihrem Blickfeld war. Sie schien alles um sich herum mit den Augen einzuvernehmen, zu verschlingen. Und man war gebannt von ihrem Blick, wenn er einen traf. Man konnte ihm nicht entrinnen, diesem Blick.

Ich stand im Türrahmen meines Zimmers als es klingelte und einer meiner Mitbewohner, es war Herbert, die Tür aufmachte. Es war nichts Außergewöhnliches, dass jemand neues durch unsere Tür ging. Besonders unbekannte, neue, junge Frauen. Wir waren drei Männer im besten Alter, also waren frische Mädchenbekanntschaften nichts, worüber sich jemand gewundert hätte. Aber wir wollten immer sehen, wer denn da so kam. Sie lächelte mich an, als sie mit einem Schritt in der Diele stand, sich umblickte, ihre Tasche auf den Boden fallen ließ und wartete, dass ihr jemand aus dem Mantel half. Es war kalt an diesem Tag. Die Sonne schien, der Himmel war strahlend blau, aber es war eben doch kalt. Da ich am nächsten stand, nahm ich den Mantel und schmiss ihn mehr oder weniger achtlos auf den Stuhl, der neben der Tür stand. Wir waren nicht gerade eine Gemeinschaft von reichen Jungs, die in einem teuren Apartment lebten. So eines mit roten Stofftapeten, gelben Lilien und goldenen Stühlen und Leuchtern. Mehr so eine Altbauwohnung mit einem Ofen im Badezimmer, den man noch mit Holz feuern musste, wollte man einmal ein Bad nehmen. Eine Dusche gab es sowieso nicht. Die nahmen wir immer im städtischen Schwimmbad, wo wir als Studenten ermäßigten Eintritt bekamen.

„Ich bin die Marianne“, rief sie allen zu, bevor Herbert die Gelegenheit bekam, sie uns vorzustellen. Nein, sie rief es nicht. Sie stand da wie auf einer Bühne in einem Stück von Shakespeare, bewegte ihre Arme leicht vor sich, verbeugte sich ein wenig, nur ganz wenig, und gab es der Welt um sich herum bekannt.